Wayne Graham

Wayne GrahamAls Hayden und Kenny Miles das erste Mal zusammen in einer Band spielen, sind sie acht und 13 Jahre alt. Ihr Vater hat in ihrer Heimatstadt Whitesburg im Südosten von Kentucky gerade eine Kirche gegründet und die beiden begleiten ihn in seinen Gottesdiensten an Schlagzeug und Bass. Musik wurzelt drei Generationen tief in der Familie. Hayden hat sich das Schlagzeugspiel von seinem Onkel abgeschaut, Kenny bekommt Unterricht von Vater und Cousin. Schon ihre Großeltern singen und spielen Instrumente.

Whitesburg ist auch heute noch ein isolierter Ort. Internet und Mobilfunknetze sind nicht flächendeckend vorhanden. Das Leben kreist um drei Koordinaten: Familie, harte Arbeit und Musik. Die Gegend – und das ist wissenschaftlich belegt – ist die mit der niedrigsten Lebensqualität in den USA. Seit Mitte der 1970er Jahre in steter Rezession befindlich. Geringstes Pro-Kopf-Einkommen, kürzeste Lebenserwartung, straff republikanisch. Beide Großväter – aus deren Vornahmen sich im Übrigen der Bandname WAYNE GRAHAM zusammensetzt – haben im Kohlebergbau gearbeitet, genauso wie ihr Vater und ihr Onkel, der in den Siebzigern die gewalttätigen Auseinandersetzungen der United Mine Workers Union Strikes miterlebte, die Barbara Kopple in ihrem Oskar-prämierte Film HARLAN COUNTY, USA dokumentierte.

Die Antwort auf die Frage, wie die Beiden und der feingliedrige und subtil störrische Alt-Country ihrer Band Wayne Graham dort hineinpassen, ist einfach: Sie tun es nicht. Und das Interesse der Bewohner an ihrer Musik kann man gelinde gesagt als mäßig bezeichnen. Neben ein bisschen Hard Rock findet Musik in dieser Gegend in Kirchen statt oder sollte sonst zumindest streng ‚old-timey’ sein. „Borrowed Bed”, den Opener des Albums, haben selbst ihre musikbegeisterten Eltern bis zum Erscheinen der Platte noch nicht gehört. Aus dem erstaunlichen Grund, dass in einer Bridge das Wort „Hell” verwendet wird und man das Böse nicht durch direkte Ansprache heraufbeschwören soll.

„Mexico” ist bereits ihr viertes Album – das Erste, das in Europa erscheint – und obwohl die Beiden erst 26 und 21 Jahre alt sind, hat es eine fast übernatürliche Reife. „Mexico” ist konzise und clever. Extrem eingängig, aber nie banal. Kunstfertig, aber nicht verkauft. Die Lieder sind oft extrem kurz und die luftige Produktion, die die Beiden im Keller ihres Elternhauses bewerkstelligen, ist wie eine Übung in Reduktion: wunderschöne Akkorde und Melodien, ein unheimlich musikalisches Schlagzeugspiel und immer an den richtigen Stellen: widerborstige kleine Details und Breaks und Zeilen, die wie für die Ewigkeit geschrieben wurden.

Songwriter Kenny Miles sagt dazu einfach nur, dass er seinem Hörer keine Zeit stehlen möchte. Schließlich seien seine Lieder wie Antworten auf Fragen, von denen er nicht sicher ist, ob sie tatsächlich jemand gestellt hat.

Thematisch umkreist „Mexico” den tragischen Tod ihres besten Freundes im Oktober des letzten Jahres. Die erste Zeile des Titeltracks lautet: “It was in your bloodstream on the day you died, til they replaced it with formaldehyde.”  Die Lieder umkreisen jenes ‚It’ ohne es jemals genau zu benennen. Es ist keine Substanz, sondern eine mystische Verbindung zwischen den drei Freunden, die seit frühester Jugend gemeinsam Musik gemacht haben. „Fellow Man” der Abschlusstrack, beschreibt eine ihrer letzten gemeinsamen Nächte und umreißt das Thema des Gesprächs, das sie führen als sie plötzlich ein klickendes Geräusch auf dem Asphalt näherkommen hören. Vor der Veranda, auf der sie sitzen, läuft ein Wolf die Straße entlang. Kenny Miles schreibt dazu die Zeile “Like the wolf outside we are led by desire, we are ruled by the time we have lost.” Und plötzlich erinnert man sich wieder, dass Musik tatsächlich jene Fähigkeit besitzt: über die traurigen, kümmerlichen Fakten und Zahlen hinaus etwas Größerem und ungleich Wichtigerem Ausdruck zu verleihen.

Sehen & Hören:

Pressestimmen:

INTRO (11-2016): „Alternative-Country-Songs von einer Dezenz und Güte, dass mir die Spucke wegbleibt. Die Stücke, die Wayne Graham auf ihrem vierten Album versammelt haben, sind traditionell zurückhaltend und bodenständig instrumentiert, aber dennoch so smart, schlank und gut geschrieben, dass Wilco, Sparklehorse und der Gottvater Gram Parsons als Referenzen herhalten müssen.” (…) Diese Empfehlung ist zwingend!”

Americana-UK: “Here is understated, yet deep, true and spiritual understanding. Modern Appalachian music at its best. A huge album that insists on careful appreciation.” (9 out of 10)

DPA – Deutsche Presse Agentur: „’Mexico’ klingt überraschend reif und dürfte ältere Son-Volt- und Wilco-Fans (etwa aus deren “Being There”-Phase) glücklich machen. Denn es hat alle Ingredienzen eines ehrlichen und zugleich spannenden Indie-Americana-Sounds der späten 90er: Spröde Gitarren, sparsam-subtile Effekte, gute Songs – und eine coole Stimme, die, etwa in “Real Speed Limit”, der des jungen Jeff Tweedy sehr nahe kommt.”